Globalisierung der Medizin im 17. Jahrhundert: Von Sigmaringen nach Peking. Zur Geschichte des Universalgelehrten Johannes Schreck

Johannes Schreck – ein Genie zwischen Ost und West

Der Astronom, Arzt, Botaniker und Chinamissionar Johannes Terrentius reiste als einer der ersten Europäer nach China  und wurde zu einem Pionier des Wissensaustausches zwischen Ost und West.

Dr. Michael Rupprecht hat erstmals die in der Portraitzeichnung von Rubens dargestellte Gesichtsverletzung des Johannes Schreck medizinisch analysiert. Lesen Sie seinen Textbeitrag im Buch: Johannes Schreck-Terrentius SJ, das 2016 im Franz-Steiner Verlag von Claudia von Collani und Erich Zettl herausgegeben wurde:

Das entstellte Gesicht – Spuren von Gewalt? Die Gesichtsschädelverletzung des Johannes Schreck-Terrentius

Von Michael Rupprecht


Er muss wohl ein ganz besonderes Kind gewesen sein. Denn obschon für den 1576 als Sohn eines Bauern in einem Dorf in der Grafschaft Sigmaringen geborenen Knaben eine höhere Schulbildung standesbedingt vermutlich nicht vorgesehen war, erwarb er bereits 1596 an der Universität Freiburg den Magistergrad der Medizin und setzte seine Ausbildung ab etwa 1600 an der Sorbonne und als Assistent des berühmten Mathematikers Francois Viète in Paris fort. Nach dessen Tod finden wir ihn als Student an der berühmten medizinischen Fakultät der Universität Padua. An der gleichen Universität lehrte damals Galileo Galilei, und es gibt keinen Zweifel, dass Schreck zu seinen Hörern zählte.

Ab 1610 wirkte er in Rom als Gehilfe des päpstlichen Arztes, Botanikers und Apothekers Johannes Faber.

1611 trat Schreck, der seinen Namen zwischenzeitlich in Terrentius latinisiert hatte, fast zeitgleich mit Galilei der Accademia dei Lincei bei. Seine erste Aufgabe für die „Luchse“, deren Ziel eine von religiösen und philosophischen Vorgaben freie Forschung und Lehre war, bestand in der Kommentierung und Herausgabe des Thesaurus Mexicanus, einer Enzyklopädie über Pflanzen, Tiere und Mineralien Mittelamerikas nach Handschriften und Skizzen des Spaniers Francisco Hernandez (1514 – 1587).

Für die Akademiemitglieder unerwartet trat Schreck, der zu diesem Zeitpunkt bereits als einer der bedeutendsten deutschen Gelehrten und Ärzte galt, Ende 1611 in den Jesuitenorden ein. Einen Orden, dem viele der hervorragendsten  Gelehrten seiner Zeit angehörten. Galilei kommentierte diesen Schritt mit den Worten „Una Grande Perdida“: Ein großer Verlust.

1614 kehrte der Jesuitenpater Niklaas Trigault, einer der ersten Chinamissionare, aus Peking zurück, wo die Jesuiten unter der Leitung von Matteo Ricci wenige Jahre zuvor eine Niederlassung errichtet hatten und versuchten, sich zunächst als Wissenschaftler und Gelehrte Ansehen zu erwerben.

Im China der ausgehenden Ming-Dynastie (1368 – 1644) war zu dieser Zeit der Kalender ungenau geworden und die Astronomen des Kaisers zeigten sich unfähig ihn zu reformieren.

Von den Staatsgeschäften bis hin zu alltäglichen Verrichtungen des einfachen Volkes  hingen nahezu alle Aktivitäten von der Deutung der Gestirne durch den jährlichen kaiserlichen Kalender  ab. Ein Versagen auf diesem Gebiet stellte somit eine schwerwiegende Bedrohung der Autorität des „Sohnes des Himmels“, des Garanten der Harmonie zwischen Himmel und Erde dar. 

Dies war eine einmalige Chance für die Jesuiten, sich mit dem in Europa zu dieser Zeit gerade neu erworbenen astronomischen Wissen nützlich zu erweisen und Einfluss am Kaiserhof zu gewinnen. Schreck erschien aufgrund seiner Ausbildung als der ideale Mann für diese Aufgabe. Und so folgte er Trigault – bereits als chinesischer Gelehrter gekleidet – ab 1616 auf dessen Werbetour für die Chinamission durch die Fürstenhöfe Europas. In Brüssel begegneten sie Peter Paul Rubens, der die beiden Jesuiten portraitierte.

1618 schifften sich 22 Patres mit über 600 anderen Mitreisenden, versehen mit neuester wissenschaftlicher Literatur, astronomischen Instrumenten und einem Fernrohr der neuen galileiischen Bauart in Lissabon zu ihrer Reise nach Peking ein.

Als vor der afrikanischen Westküste eine Seuche einen Teil der Schiffsbesatzung dahinraffte bewährte sich Schreck – selbst zeitweise todkrank – als selbstloser und fähiger Arzt.

Einen viermonatigen Aufenthalt im indischen Goa nutzte er zu botanischen Studien, die er später in China fortsetzte. In seinem zweibändigen Werk Plinius Indicus, das seit dem 19. Jahrhundert verschollen ist, soll er über 8000 Pflanzen untersucht und beschrieben haben. Sein besonderes Interesse galt deren möglicher Eignung als Heilpflanzen.

1619 erreichten die Reisenden Macao, wo die Portugiesen seit 1557 eine Handelsniederlassung unterhielten. Da zu dieser Zeit in China vorübergehend Bestrebungen im Gange waren, das sich etablierende Christentum auszumerzen und dessen Missionare zu vertreiben, dauerte es zwei Jahre, bis Schreck die Weiterreise nach Peking versteckt in einem chinesischen Schiff gelang.

Unverdrossen begann er, der bereits Italienisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Latein, Griechisch und Hebräisch beherrschte, als erster Deutscher unter großen Mühen Chinesisch zu erlernen und schrieb – noch bevor er Peking erreichte – gemeinsam mit einem chinesischen Kollegen ein Lehrbuch zur Anatomie, Sinnesphysiologie und Bewegung in dieser Sprache.

In Macao gelang ihm auch seine wohl bedeutendste Entdeckung auf dem Gebiet der Medizin: Nach der Obduktion eines Mitbruders beschrieb er dessen durch häufigen Tabakgenuss verursachten Lungenveränderungen und wies somit als erster Arzt auf die schädlichen Folgen des Rauchens hin.

Unerschrocken und sachlich dokumentierte Schreck auch seine in dieser Zeit selbst durchgemachte Malariaerkrankung und seine Versuche, diese mit ihm bis dahin nicht bekannten Heilpflanzen zu kurieren.

Seit 1623 wirkte er in Peking. Er war unter dem Namen Deng Yuan Hanpo erfolgreich als Arzt tätig und berichtete als erster aus seinem Gastland über die Akupunktur und Moxibustion nach Europa. So schrieb er: „Sie treiben eine sehr lange Nadel in die Haut, stecken sie ganz hinein, und indem sie sie verschieden  bewegen, als wenn sie einen staren stech (einen grauen Star operierten) vernichten sie, wie ich glaube, Nässungen und Geschwulste“.  Weiterhin veröffentlichte er Lehrbücher über Mathematik, Mechanik, Medizin und Astronomie.

Das erste chinesische Lehrbuch des Maschinenbaus „Die wunderbaren Maschinen des fernen Westens in Wort und Bild“, eine Gemeinschaftsarbeit Schrecks mit seinem Schüler und Freund, dem kaiserlichen Beamten Wang Zheng, bezeichnete eine frühe Sternstunde im kulturellen Austausch zwischen Europa und China. Das Werk wurde bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein nachgedruckt.

Als es Schreck 1629 als einzigem gelang, eine Sonnenfinsternis auf die Minute genau vorauszuberechnen, wurden die Jesuiten vom kaiserlichen Hof mit der Kalenderreform beauftragt. Sie nutzten zur Lösung dieser Aufgabe ungeniert auch jene neuen astronomischen Erkenntnisse welche in Europa zur selben Zeit als Häresie galten und wegen derer Galilei unter der Beobachtung der Inquisition stand.

Schreck selbst starb überraschend im Jahr 1630 – vermutlich an den Folgen eines medizinischen Selbstversuches. Durch sein Wirken hat er zum hohen Ansehen, das die Jesuiten über Generationen am chinesischen Kaiserhof genossen, wesentliches beigetragen.  Die Kalenderreform wurde von seinen Mitbrüdern Adam Schall vom Bell und Ferdinand Verbiest erfolgreich abgeschlossen.

Schrecks Grabstein, mit einer Widmung in chinesischer und lateinischer Sprache, steht noch heute auf dem Friedhof Zhalan der Jesuiten in Peking.



Dr. Michael und Dr. Karin Rupprecht auf den Spuren von Johannes Schreck an seinem Grabstein in Peking während einer Akupunkturfortbildung am Beijing Hospital September 2010